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Wednesday, 08 February 2012
II Kurzgeschichten von Lutz-Rüdiger Schöning Drucken E-Mail

"Der Alte Strom war die Lösung. Oder auch nicht? Die Badestelle war im Sommer belebt und beliebt. Die Umzugskabinen am Alten Strom waren eigentlich Weidenbüsche. Die wurden aber nur von den Mädchen benutzt. Dort zwängten sie sich, durchaus nicht schamhaft oder unabsichtlich ihre blanken Rundungen zeigend, in Badeanzüge, die entweder schon ihren Müttern gedient hatten oder von flinken Händen aus anderen Textilien umgeschneidert waren. Keine Rede vom Bikini, der erst noch erfunden werden wollte. Und schon gar keine Rede vom Nacktbaden, obwohl man davon gehört hatte, dass die älteren Jugendlichen nach dem Tanz in der „Padde“, der Kneipe gleich hinter dem Strom, auch mal kreischend und lachend ein nächtliches textilfreies Bad nahmen. ...

Die durchaus sportliche Bekleidung des Feriengastes stand eigentlich in einem eklatanten Widerspruch zum wahren Können und forderte geradezu das Beherrschen des Elementes Wasser. Wie es geht, wusste man. Wenigstens theoretisch. Wenn also vorsichtig und in Griffnähe der Sprungturm umschwommen wurde, müsste man doch eigentlich eines Tages die Fertigkeit besitzen, bis zu der mitten im Strom stehenden Plattform zu schwimmen, auf der es sich nicht nur herrlich sonnen ließ. ...

Gerade an dem Tag, an dem man sich vorgenommen hatte, wenigstens einen größeren Bogen um den Turm zu schwimmen, passierte es. Auf der Seite, die vom Sprungbrett überragt wurde, war das Wasser natürlich tiefer, als auf den anderen Seiten. Man musste sich konzentrieren, um nicht zu weit weg vom Turm ins Tiefe zu geraten. Und dabei konnte es geschehen, dass man den Sportfreund übersah, der da oben im so genannten Zehenhang am Brett baumelte. Der sah natürlich auch nicht, was unter ihm vorging und löste die Zehen in dem Augenblick, wo der Schwimmlehrling genau unter ihm potschelte. Es war ein Riesenglück für beide, dass der Springer nicht voll traf. So kamen beide mit dem Schrecken davon. Unser Schwimmlehrling allerdings mit dem größeren. Als er prustend und spuckend wieder auftauchte, war er mindestens zehn Meter weg vom rettenden Turm. Naturlich war sein Unvermögen von den Dörflern längst registriert worden. Und so stürzten drei, vier Jungen sofort ins Wasser. Nicht um ihn zu retten, sondern um ihm eine Lektion zu erteilen. Sie zwangen ihn, bei Androhen des Untertauchens, bis zur Plattform zu schwimmen. Es dauerte Ewigkeiten, bis der Genötigte den Rand der Plattform erfassen und sich hinauf ziehen konnte. ...

Als gleich nach den Ferien die Schwimmnoten ermittelt werden sollten, stellte sich unser Meister des Sports kühn und unverfroren in die Riege der Schwimmer. Er bewältigte tatsächlich irgendwie die Distanz von einhundert Metern. Allerdings in einer Zeit, in der ein geübter Schwimmer bequem einen Kilometer zurücklegen würde. Solche Peinlichkeiten vergisst man oder verdrängt sie wenigstens. Bis zu dem Tag, an dem sich nach dreißig Jahren die Klassenkameraden – die Mädels mütterlich rund, die Kerle angetan mit Glatze, Bart und Bauch – treffen und in alten Zeiten schwelgen. Alles ist gut bis zu dem Augenblick, wo der ebenfalls eingeladene Sportlehrer eine abgegriffene Octav-Kladde aus der Tasche zieht und zum Gaudium der Anwesenden die Sportnoten aus der Neunten verliest. Und nach einem Blick auf die Zeiten grinsend fragt: Hast Du damals eigentlich gebadet oder bist Du tatsächlich geschwommen?"

(gekürzte Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Lutz-Rüdiger Schöning aus "Piazza Aperto")


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